Kombitickets: Die wirksamste Anreise-Maßnahme, die kaum jemand nutzt – und warum du sie 2026 auf dem Schirm haben solltest
Stell dir eine Maßnahme vor, die deinem Publikum die Anreise erleichtert, deinen größten CO₂-Posten senkt, dein Image aufpoliert – und pro Gast oft weniger als eine Bratwurst-Portion Trinkgeld kostet. Klingt zu gut? Gibt's längst. Es heißt Kombiticket: dein Veranstaltungsticket gilt gleichzeitig als Fahrschein für Bus und Bahn.
Und jetzt der Haken: Fast niemand macht es. Von geschätzt 540 Millionen Veranstaltungstickets pro Jahr in Deutschland sind gerade einmal 5,5 bis 12 % auch Kombitickets. Die erste große Machbarkeitsstudie zum Thema – „Kombiticket ohne Limit" von The Changency, in Kooperation mit dem Branchenverband BDKV legt jetzt offen, warum das so ist. Und wo für dich als Veranstalter:in der eigentliche Hebel liegt.
Die Leitfrage dahinter:
»Warum verschenkt eine ganze Branche die wirksamste Anreise-Maßnahme, die sie hat – und was heißt das konkret für dein nächstes Event?
Vorweg: Dieser Artikel basiert auf der Machbarkeitsstudie „Kombiticket ohne Limit" von The Changency (Rosa Hoelger & Sarah Lüngen), in Kooperation mit dem BDKV. Eine Arbeit, die wir außerordentlich schätzen – und die wir hier für dich als Veranstalter:in einordnen. Alle Zahlen stammen aus dieser Studie.
Das Wichtigste vorab
+ Kombiticket = dein Eintrittsticket ist gleichzeitig ÖPNV-Fahrschein für Hin- und Rückweg. Kostet dich als Veranstalter:in im Schnitt rund 1,50 € pro tatsächlicher Nutzer:in – zwei Drittel zahlen zwischen 0,50 und 2,00 € (Studie 2026).
+ Es wirkt: 17–21 % der Besucher:innen nutzen es, und 9–24 % der ÖPNV-Anreise finden nur wegen des Kombitickets statt. Die Anreise des Publikums macht bei Events bis zu 90 % des CO₂-Fußabdrucks aus – hier setzt das Kombiticket den größten Hebel an.
+ Es ist massiv unterrepräsentiert: nur 5,5–12 % aller Veranstaltungstickets sind Kombitickets.
+ Das größte Hemmnis ist nicht der fehlende Nutzen, sondern Preissensibilität (67 %) plus bürokratischer Aufwand – auf beiden Seiten, bei Veranstalter:innen und Verkehrsbetrieben.
+ Dein größter ungenutzter Hebel heißt Kommunikation: In der Studie wussten 32–47 % der Gäst:innen gar nicht, dass ihr Ticket auch ein Fahrschein ist. Reine Reichweite, die auf der Straße liegt.
Was ein Kombiticket überhaupt ist
Die Definition ist unspektakulär – die Wirkung nicht. Ein Kombiticket erlaubt es Besucher:innen, „auf dem Hin- und Rückweg zum Veranstaltungsort Verkehrsmittel des ÖPNV zu nutzen, ohne zusätzlich eine Fahrkarte lösen zu müssen." Die Eintrittskarte ist die Fahrkarte.
Dies gibt es in zwei Ausbaustufen: lokal (stadtweit, auf Ebene des Verkehrsbetriebs) oder regional (verbundweit). Gültig ist es rund um den Veranstaltungstag – je nach Anbieter zwischen etwa 27 und 30 Stunden. In Leipzig richtet der Verkehrsbetrieb LVB ein Kombiticket in der Regel innerhalb von 48 Stunden ein und wickelte 2025 damit 2,2 Millionen Kombitickets auf 1.470 Veranstaltungen ab. Möglich ist es also längst – es ist nur nicht Standard.
Warum es sich für dich lohnt
Die Studie hat Veranstalter:innen nach ihren Motiven gefragt. Das Ergebnis ist eine ziemlich klare Ansage, was das Kombiticket eigentlich ist – nämlich weit mehr als ein Öko-Feature:
Nachhaltigkeit (94 %) – mit Abstand das stärkste Motiv. Und das mit gutem Grund: Wer mit dem ÖPNV statt mit dem Auto anreist, spart bis zu drei Viertel der Anreise-Emissionen. Bei einem Bereich, der bis zu 90 % deines Fußabdrucks ausmacht, ist das der Unterschied zwischen „grünem Anstrich" und echter Wirkung.
Service / einfachere Anreise (68 %) – kein Parkplatz-Stress, kein Fahrkartenkauf, keine Parkkosten, kein Verkehrschaos vor der Halle. Für die Gäste ist die Fahrt „einfach dabei".
Positive Wahrnehmung durch die Besucher:innen (62 %) – das Kombiticket zahlt sichtbar auf deine Marke ein.
Und der Punkt, den viele unterschätzen: Für die Gäst:innen ist es ein echtes Kaufargument. In der Befragung fanden bis zu 74 % der ÖPNV-Nutzer:innen das inkludierte Kombiticket wichtig – und selbst bei den Autofahrer:innen war es für rund 28 % „sehr wichtig". Das ist Nachfrage, keine Pflichtübung.
Der ehrliche Haken: Warum es trotzdem kaum jemand macht
Wenn das Kombiticket so gut ist – warum liegt die Verbreitung dann im einstelligen Prozentbereich? Die Studie ist da unbequem ehrlich, und genau das macht sie wertvoll:
❌ „Zu teuer, zu kompliziert, lohnt sich das überhaupt?" → das Kombiticket bleibt liegen.
✅ „Ein standardisierter Prozess, ein fairer Preis, klare Zahlen zur Wirkung" → das Kombiticket wird zum Normalfall.
Die drei realen Bremsen:
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Und zwar auf beiden Seiten: Veranstalter:innen empfinden den Preis als zu hoch, Verkehrsbetriebe verdienen an Kombitickets zu wenig, um sie zu priorisieren. Nur 11 % der Veranstalter:innen können die Kosten komplett an die Gäste weitergeben – der Rest legt sie solidarisch auf alle um oder trägt sie selbst.
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Jede Vereinbarung wird oft einzeln verhandelt. Für manche ist das in 30 Minuten erledigt, für andere bedeutet es mehr als drei Tage Arbeit pro Veranstaltung. Es fehlt schlicht ein Standard.
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Manche Verkehrsbetriebe bieten Kombitickets erst ab 500 Besucher:innen an – obwohl 90 % der Livemusik-Veranstaltungen darunter liegen. Für den Verkehrsbetrieb ist der Aufwand pro Kleinevent zu hoch, der Ertrag zu klein.
Das Kombiticket scheitert nicht am Nutzen. Es scheitert an fehlender Standardisierung – und die lässt sich lösen.
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Das Kombiticket scheitert nicht am Nutzen. Es scheitert an fehlender Standardisierung – und die lässt sich lösen. 〰️
Was die Zahlen zur Wirkung sagen
Das Kombiticket ist keine Symbolpolitik. Die Studie belegt eine handfeste Lenkungswirkung:
17–21 % aller Besucher:innen lösen tatsächlich das Kombiticket ein. Bei Eventim waren 2025 21 % der online gekauften Tickets mit ÖPNV-Freischaltung.
9–24 % der ÖPNV-Anreisenden wären ohne Kombiticket gar nicht mit Bus und Bahn gekommen – das ist der kausale Umstiegseffekt, nicht bloß Mitnahme.
Bei einzelnen Leuchtturm-Events geht noch deutlich mehr: Am Nachhaltigkeitsspieltag des HSV im Februar 2026 nutzten 59 % der ÖPNV-Fahrgäste das Kombiticket – 28 % aller Besucher:innen.
Wichtig zur Einordnung: Wie hoch der ÖPNV-Anteil realistisch werden kann, hängt stark von der Infrastruktur ab. Ein städtisches Festival kommt auf über 57 % ÖPNV, ein Festival auf dem Land mit Camping nur auf rund 17 %. Das Kombiticket ist ein starker Hebel – aber kein Ersatz für eine Bahnanbindung.
Der unterschätzte Hebel: Sag es deinen Leuten
Hier kommt der Teil, den du sofort und ohne neuen Vertrag nutzen kannst. Die Studie hat einen erstaunlichen blinden Fleck aufgedeckt:
32 % (Leipzig) bis 47 % (Hamburg) der Gäste wussten nicht, dass ihr Ticket auch ein Fahrschein ist.
Lies das nochmal. Fast die Hälfte der Besucher:innen zahlt (mit) für eine Leistung, die sie gar nicht kennt – und fährt im Zweifel mit dem Auto. Das ist keine Kostenfrage, das ist eine Kommunikationsfrage. Und sie ist gratis.
Rechnet man diese Lücke weg, steigt das Potenzial spürbar: In Leipzig könnte der ÖPNV-Anteil allein durch bessere Aufklärung um weitere 6 Prozentpunkte klettern. Jeder Gast, der wegen deiner klaren Kommunikation die Bahn nimmt, ist ein voller Parkplatz weniger, ein Stück weniger Verkehrschaos und ein messbar kleinerer Fußabdruck – ohne dass dich der einzelne Umstieg extra kostet.
Die halbe Wirkung deines Kombitickets verschenkst du nicht am Verhandlungstisch, sondern in der Ankündigung.
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Die halbe Wirkung deines Kombitickets verschenkst du nicht am Verhandlungstisch, sondern in der Ankündigung. 〰️
Die große Vision – und warum sie (noch) hakt
Der namensgebende Gedanke der Studie ist groß: Was, wenn jedes Veranstaltungsticket in Deutschland für einen Mikrobeitrag von 50 Cent am Eventtag 24 Stunden lang wie ein Deutschlandticket funktioniert – deutschlandweit, inklusive Regionalzüge? BDKV-Chef Johannes Everke bringt es auf den Punkt: „Wie wäre es, wenn jede Konzertkarte am Veranstaltungstag ein Deutschlandticket wäre?"
Die Idee kommt an: 85 % der Veranstalter:innen finden sie interessant. Aber die Studie macht auch den Realitätscheck – und findet echte Zielkonflikte:
Die 50 Cent rechnen sich nicht. Der heutige Durchschnittspreis liegt bereits bei rund 1,50 €, das Deutschlandticket bei ~2 € pro Tag. Mehr Leistung (bundesweit, Regionalzüge, 24 h) zum niedrigeren Preis – das passt wirtschaftlich nicht zusammen.
Gefahr der Umverteilung von unten nach oben. Kleine, lokale Veranstaltungen würden mitbezahlen, während große, überregionale Events am meisten profitieren. Um Missbrauch (Billigticket als Deutschland-Fahrschein) zu verhindern, bräuchte es einen Mindestticketpreis von ~30 € – womit genau die kleinen Events wieder rausfallen.
Kurz: Die Vision ist ein starker Nordstern, aber kein fertiger Fahrplan.
Der realistische Weg
Statt des großen Wurfs skizziert die Studie einen pragmatischen Stufenplan – und der ist für die Branche die eigentlich gute Nachricht:
+ Drei Tarifzonen statt Einheitspreis: lokal / überregional / deutschlandweit. So zahlt jede:r für die Reichweite, die wirklich gebraucht wird.
+ Ein bundesweiter Standardprozess. Eine schlanke, ticketing-unabhängige Web-Lösung (Vorbild: das Kombiticket-Portal des VRR), über die sich ein Kombiticket schnell und einheitlich einrichten lässt – statt 600 Einzelverhandlungen.
+ Prozentualer Preis statt Pauschale. Beispiel: 3 % vom Ticketpreis mit Mindestbetrag 0,50 €. Ein 17-€-Ticket zahlt 50 Cent, ein 50-€-Ticket 1,50 €. Fair für kleine Events, tragfähig für die Verkehrsbetriebe.
+ Datenbasierte Einnahmenverteilung nach tatsächlich gefahrenen Strecken – damit das Geld dort landet, wo die Leistung erbracht wird.
Der Weg dahin: erst Pilotphasen mit einer „Allianz der Willigen" aus mehreren Verkehrsverbünden, dann ausrollen. Ein runder Tisch aus Veranstaltungs- und Verkehrsbranche hat im April 2026 den Grundstein gelegt.
Was du heute schon tun kannst
Bis der bundesweite Standard steht, liegen ein paar Hebel direkt in deiner Hand:
Frag deinen lokalen Verkehrsbetrieb aktiv nach einem Kombiticket – gerade in Städten mit etablierten Prozessen (Leipzig, Hamburg, VRR-Gebiet) geht das oft in Tagen, nicht Monaten.
Kommuniziere es laut und mehrfach. Ticketshop, Bestätigungsmail, Anfahrtsseite, Social, Vor-Ort-Beschilderung: „Dein Ticket ist dein Fahrschein." Das ist der billigste Wirkungssprung, den du bekommst.
Prüfe den Rahmenvertrag. Wer regelmäßig veranstaltet, fährt mit einem jährlichen Kontingent-Deal oft günstiger und mit deutlich weniger Aufwand als mit Einzelverhandlungen.
Nutze es als Marken- und Verkaufsargument, nicht als Fußnote im Kleingedruckten. Es ist Service, Haltung und Bequemlichkeit in einem – genau das, wofür Gäst:innen sich entscheiden.
Fazit
Das Kombiticket ist der seltene Fall einer Maßnahme, bei der Nachhaltigkeit, Service und Gäst:innen-Wunsch in dieselbe Richtung zeigen – und trotzdem bleibt sie größtenteils liegen. Nicht, weil sie nicht funktioniert, sondern weil Preislogik und Bürokratie sie ausbremsen. Die Studie „Kombiticket ohne Limit" liefert dafür zum ersten Mal belastbare Zahlen – und einen realistischen Plan.
Auf die große, bundesweite Lösung musst du warten – auf die Wirkung nicht. Der billigste Hebel liegt schon heute auf dem Tisch: das Kombiticket, das du vielleicht längst hast, endlich so zu kommunizieren, dass deine Gäst:innen es auch nutzen. Denn die halbe Wirkung verschenkst du nicht am Verhandlungstisch, sondern im Schweigen darüber.
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Danke an alle, die das möglich gemacht haben
Dieser Beitrag steht auf den Schultern einer starken Vorarbeit – und das gehört ausdrücklich gesagt. Die Studie „Kombiticket ohne Limit" schließt erstmals eine echte Wissenslücke in unserer Branche. Wir schätzen diese Arbeit sehr, und unser Artikel baut vollständig auf ihren Ergebnissen auf. Ein großes Dankeschön an:
Rosa Hoelger & Sarah Lüngen (The Changency GmbH) – Autorinnen der Studie
den BDKV e.V. und Johannes Everke, von dem die ursprüngliche Idee stammt
Paul Schneider & Thorsten Koska vom Wuppertal Institut für die wissenschaftliche Begleitung
die Initiative Musik und die/den BKM für die Förderung
Die vollständige Studie gibt's kostenlos unter the-changency.de/kombiticket – klare Leseempfehlung.
Quelle: Hoelger, R. & Lüngen, S. (2026): „Kombiticket ohne Limit" – eine Machbarkeitsstudie. The Changency GmbH in Kooperation mit dem BDKV e.V.; wissenschaftliche Beratung: Wuppertal Institut; gefördert durch die Initiative Musik mit Mitteln der/des BKM. Version 1.1, Juli 2026. Verfügbar unter the-changency.de/kombiticket. .